Schloss Gottorf, Schleswig: Gottorf als Walkürenschloss - Eine Ausstellung der Künstlerin Joana Vasconcelos

Porträt Joana Vasconcelos, Foto: Arlindo Camacho for Atelier Joana Vasconcelos

Schloss Gottorf ist ein Mikrokosmos, in dem sich die vielfältige und wechselhafte deutsch-dänische Geschichte verdichtet. Gerade die Regentschaft Herzogs Friedrichs III. von Schleswig-Holstein-Gottorf (1616–1659) gilt als kulturelle Glanzzeit des Gottorfer Hofes. Trotz widriger Zeitläufte, immerhin fiel der Dreißigjährige Krieg in seine Regierungszeit, entwickelte sich das kleine Fürstentum zu einer Regionalmacht und zum wichtigsten kulturellen Zentrum in Nordeuropa. Der ambitionierte Herzog zeigte sich als Förderer von Kunst, Wissenschaft und Kultur, schickte Gesandtschaften in ferne Länder, beauftragte den ersten Barockgarten nördlich der Alpen, botanisierte mit Leidenschaft, schuf eine bedeutende Kunstkammer und ließ den spektakulären Gottorfer Riesenglobus nach seinen Vorgaben vom Hofgelehrten Adam Olearius konstruieren. Seine Durchlaucht schuf gemeinsam mit Herzogin Maria Elisabeth, mit der er sechzehn Kinder hatte, in und um Gottorf herum einen Ort von Welt.

Joana Vasconcelos, Ostfriesland, 2017, Schmiedeeisen, Jasminpflanzen, 230 x 330 x 224 cm, Foto: Mit freundlicher Genehmigung von Galerie Scheffel, Bad Homburg

An diese Weltneugier und Weltläufigkeit gilt es anzuknüpfen, denn Provinz ist keine Frage der geografischen Lage, sondern der Haltung. Deshalb haben wir in diesem Jahr ein Ausstellungsprogramm zusammengestellt, das stark von globalen Fragen geprägt ist und zugleich den kulturellen und künstlerischen Resonanzraum der Schlossinsel bespielt. Gekrönt wird dieses Programm durch die Ausstellung „Joana Vasconcelos. Le Château des Valkyries". Joana Vasconcelos, geboren 1971 in Paris, verbindet in ihrem Werk mit einzigartiger Überzeugungskraft und Leichtigkeit Kunst, Mode und Design miteinander. Ausstellungen im Guggenheim-Museum in Bilbao, in den Schlossräumen von Versailles, im Louvre in Paris, in den Uffizien in Florenz und nicht zuletzt ihre spektakulären Beiträge zu den Biennalen 2005 und 2013 in Venedig haben sie zu einer weltweit gefragten Künstlerin gemacht, die mit ihren sinnlich-theatralischen Werken das Publikum gleichermaßen fasziniert wie verzaubert. Dies wurde im Frühjahr 2023 erneut spürbar, als Vasconcelos auf der Pariser Modewoche mit ihrer monumentalen Installation „Valkyrie Miss Dior" für Furore sorgte. Die versammelte Modewelt zeigte sich begeistert von der floralen tentakelartigen Rauminstallation, die den Rahmen für die Präsentation der Herbst- und Winterkollektion 2023/24 von Dior bildete und als meisterliche Hommage an Catherine Dior, die Schwester des Designers, überzeugen konnte. Auf der anschließenden Mailänder Möbelmesse präsentierte das renommierte französische Möbelhaus Roche Bobois die aus farbenfrohen Sofas und weiteren Möbelaccessoires bestehende Kollektion „Bombom", die in Zusammenarbeit mit Vasconcelos entwickelt worden war. Und schließlich füllten sich die sozialen Medien sowie Kunst- und Designzeitschriften mit Berichten über jenen gigantischen „Wedding Cake", den die portugiesische Künstlerin im Auftrag von Lord Jacob Rothschild für die Gartenanlage von Waddesdon Manor in Südengland geschaffen hatte: eine zwölf Meter hohe, dreistöckige, begehbare Hochzeitstorte, eine Begegnung von Zuckerbäckerei und Architektur, gefertigt aus 25.000 portugiesischen Kacheln, die sich zu einem spielerisch-ironischen Monument der Liebe zusammenfügen.

Joana Vasconcelos, Finisterra, 2017, Handgefertigte Wollhäkelarbeiten, Ornamente, Polyester, auf Leinwand, vergoldeter Reliefrahmen, Sperrholz, Eisen, 340 x 550 x 80 cm, Foto: Jonty Wilde

Joana Vasconcelos, deren Eltern nach der Nelkenrevolution von 1974 aus dem französischen Exil nach Portugal zurückkehrten, versteht sich als künstlerische Botschafterin ihres Landes. So ist ihr Werk geprägt von der Wertschätzung traditioneller portugiesischer Handwerks- und
Handarbeitstechniken, die sie in neue Kontexte überführt, umdeutet und in die Welt hinausträgt. Dabei hinterfragt sie stereotype Vorstellungen von vermeintlicher Frauenkunst und unternimmt Exkurse in die portugiesische Architektur-, Stil- und Kolonialgeschichte. Die Verwendung von traditionellen Handarbeitstechniken wie Nähen, Stricken, Sticken, Häkeln und Spitzenklöppelei sowie ein ausgeprägter Sinn für ornamentalen Überschwang sind charakteristisch für viele ihrer Arbeiten.

Von entscheidender Bedeutung für die Künstlerin ist dabei der Begriff „Barock". Abgeleitet von dem portugiesischen Wort „barroco" bezieht sich diese Epochenbezeichnung ursprünglich auf ungleichmäßig geformte, schiefe oder schiefrunde Perlen. Das Wort wurde im 16. Jahrhundert in die Welt hinausgetragen und entwickelte sich in Europa zu einem Begriff für alles Besondere, Exzentrische, Sonderbare oder auch Bizarre. Zu den Merkmalen der barocken Kunst gehören ebenso opulente und prachtvolle Darstellungen, dynamische Kompositionen, Bewegung und Dramatik wie auch raumgreifende Gesten, Detailreichtum, Emotionalität und illusionistische Effekte – diese Kennzeichen treffen in hohem Maße auch auf die Werke von Joana Vasconcelos zu. Insbesondere ihre „Walküren", die als pneumatische textile Installationen die unterschiedlichsten Architekturen besetzen können, verbinden barocke Opulenz und Sinnlichkeit mit selbstbewussten Statements von Weiblichkeit, Emanzipation und Feminismus.

Joana Vasconcelos, Valkyrie Marina Rinaldi, 2014, Handgefertigte Wollhäkelarbeiten, Textilien, Ornamente, aufblasbare Komponenten, Ventilatoren, Transformator, Stahlseile, 405 x 480 x 1244 cm, Werk mkt Unterstützung von der Designmarke Marina Rinaldi hergestellt, Foto: Tang Contemporary Art

Insgesamt elf raumgreifende Installationen, darunter auch die Walküren „Marina Rinaldi" (s.o.) aus dem Jahr 2014, „Martha" von 2022 und „Dior (Paris)" von 2023, werden auf der Gottorfer Museumsinsel im Schloss, im Kreuzstall und in der Reithalle sowie im Innenhof des
Eisenkunstgussmuseums in Büdelsdorf zu sehen sein und zeigen die vielfältigen Facetten von Vasconcelos' künstlerischem Schaffen. Mit der Nachbarschaft zum Wikingermuseum Haithabu und den umfangreichen archäologischen Sammlungen im Haus ist Schloss Gottorf der prädestinierte Ort für diesen großen Auftritt der Künstlerin im hohen Norden.

Joana Vasconcelos' Walküren sind selbstbewusst schwebende Wesen aus Stoffen, Spitzen, Stickereien, Wolle, Pailletten, Perlen, Federn und LEDs, die ihre Tentakeln in alle Richtungen ausstrecken und die Räume mit sanfter Macht einnehmen und besetzen. Im Vergleich zuihren unbarmherzigen Namensgeberinnen aus der nordischen Mythologie, den dämonischen weiblichen Geisterwesen aus dem Gefolge Odins, deren Erscheinen zu Pferd und in funkelnden Rüstungen den Tod verheißt und Nordlichter an den Himmel zaubern soll, wirken Vasconcelos' leuchtende Walküren friedlich und beschützend. Sie zeugen von weiblicher Selbstermächtigung und stehen für die Fähigkeit, das Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und die Verhältnisse zu ändern. Dies gilt beispielsweise für die italienische Schneiderin Marina Rinaldi, die in den 1850er-Jahren ein Atelier für Frauen gründete. Deritalienische Modeunternehmer Achille Maramotti, der ein Jahrhundert später den Modekonzern Max Mara aufbaute, würdigte seine Urgroßmutter mit der Designmarke Marina Rinaldi, die als erstes High-Fashion-Haus seit mehr als vierzig Jahren Frauen ab Kleidergröße 40 einkleidet und damit einen wichtigen Beitrag zur Body Positivity leistet.

Am 25. April 2024 jährt sich der 50. Jahrestag der portugiesischen Nelkenrevolution, mit der die autoritäre Diktatur des Estado Novo beendet und Portugals Entwicklung zu einer stabilen repräsentativen Demokratie eingeleitet wurde. Es ist deshalb eine besonders große Freude, in diesem wichtigen Jubiläumsjahr eine so bedeutende Ausstellung auf Schloss Gottorf zeigen zu können. Dazu passend zeigen wir „Red Independent Heart" (AP) (2023), ein riesiges „Herz von Viana", das berühmte Symbol der Stadt Viana do Castelo im Norden Portugals. Es handelt sich um ein filigranes Schmuckstück, ursprünglich ein Symbol der religiösen Hingabe und Verehrung des Her-zens Jesu, das vollständig aus rotem Plastikbesteck besteht. An einen Deckenhaken aufgehängt, vollführt das Herz eine Drehbewegung, die den Kreislauf des Lebens beschwört. Dazu erklingen drei Fado-Lieder, gesungen von Amália Rodrigues, der großen Diva der portugiesischen Musik in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. „Red Independent Heart" ist eine kraftvolle und gefühlsbetonte Installation aus Klang, Bewegung, Kunststoff und Kunstfertigkeit, die vom Reichtum, der Liebe und dem Tod erzählt.

Dr. Thorsten Sadowsky,
Direktor des Landesmuseums für Kunst und Kulturgeschichte
und Kurator des Projektes

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Museum für Kunst und Kulturgeschichte Schloss Gottorf
Joana Vasconcelos. Le Château des Valkyries I
1. Mai bis 3. November 2024
www.museum-fuer-kunst-und-kulturgeschichte.de

AsKI kultur leben 1/2024

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