Die wieder frei zu legenden Motive: Meine Serpentara-Werkstatt in der Casa di Goethe, Rom

Wald der Serpentara, Foto: Anneka Metzger, 2023

Anfang des 19. Jahrhunderts wurde ein Landstrich östlich von Rom zum Sehnsuchtsort für Künstler aus verschiedenen europäischen Ländern. Die Maler der Serpentara, einem Eichenwäldchen oberhalb von Olevano Romano, begründeten eine neue Landschaftsauffassung. Heute sind Darstellungen des „Schlangenhains" in vielen europäischen Museen zu sehen. 1873 war der Wald gefährdet. Holz für Eisenbahnschwellen versprach ein lukratives Geschäft. Der Initiative von deutschen Kunstschaffenden um den Karlsruher Landschaftsmaler Edmund Kanoldt war es zu verdanken, dass der Wald erhalten werden konnte. Sie verhinderten die drohende Abholzung durch eine spontan organisierte Spendensammlung, und am 25. September 1873 konnte der Kaufvertrag unterzeichnet werden. Um den Erhalt zu sichern, schenkten die Künstler die Serpentara dem deutschen Kaiser, die schließlich der Königlich Preußischen Akademie der Künste in Berlin anvertraut wurde. Anfang des 20. Jahrhunderts kam eine kleine Villa als Atelierhaus auf dem angrenzenden Grundstück dazu. Seit dieser Zeit vergibt die Akademie der Künste Aufenthaltsstipendien in der Villa Serpentara. Vom 20. November bis 4. Dezember 2023 konnte ich im Rahmen eines Forschungsaufenthaltes in der Casa di Goethe in Rom meine Recherchen zur Geschichte der Serpentara vertiefen.

Fest anlässlich des 50-jährigen Bestehens des Deutschen Künstlervereins in Rom in der Serpentara am 2. Juni 1895,  © Foto unbekannt, Universität der Künste, Berlin, UdK-Archiv 300a-XX, 5F, Repro: Markus Hilbich, Berlin

 

Bonn, 29. August 2023
„Betreff [ext] Forschungsaufenthalt in der
Casa di Goethe Sehr geehrte Frau Dr. Metzger, es freut
mich sehr, Ihnen mitteilen zu können, dass
wir Ihren Antrag [...] positiv entschieden
haben."
Jessica Popp, AsKI e.V. an Anneka Metzger

 

Civitella, 27. August 1830
„Hochgeehrtester Herr! Unendlich über
raschte mich die frohe Botschaft meines
verlängerten Aufenthalts in Italien, [...] gehe
ich jetzt mit neuem Muth und verdoppelter
Liebe zur Arbeit zurück und werde gewiß
nie aufhören der Gnade und dem Wohl
wollen Ew. Excellenz mich durch die eifrigs
ten Bestrebungen in der Kunst einst würdig
zu machen."
Friedrich Preller an Johann Wolfgang von Goethe


Roma, 18. November 1859
„[...] und die Schönheit Olevanos übertrifft
alles, was ich in dieser Art kenne."
Friedrich Preller an Carolyne Elisabeth Fürstin zu Sayn-Wittgenstein

 

Roma, Casa di Goethe, Via del Corso 18, 21. November 2023
In einer Vitrine im Museum entdecke ich ein Skizzenbuch von Friedrich Preller.
Zeichnungen der Serpentara von 1860/61. Felsen, Baumstudien. Er ist einer der
Künstler der deutschen Romantik, der immer genannt wird, wenn es um den Mythos
Olevano geht. War schon 1829 da. Kanoldt schreibt ihm im Sommer 1873 wegen
Geldsammlung zur Rettung des Eichenhains.
Römische Notizen, A.M.

 

Olevano Romano - Wald der Serpentara, Bäume und Felsen, ca. 1872, Albuminabzug, Foto: Carlo Baldassarre Simelli, fondo Becchetti, Kulturministerium, Rom, Istituto Centrale per il Catalogo e la Documentazione, Inventar-Nr. FB000339


Roma, Vicolo Zucchelli 23/3, 12. Juli 1873
„Aber was ist denn mit Preller in Weimar?
Er war der erste, an den ich mich wandte,
und noch ist keine Nachricht von ihm da.
Sollte er meine Zeilen gar nicht empfangen
haben? Ich glaubte gerade bei ihm an
denjenigen gekommen zu sein, der Feuer
u. Flamme für die Sache sein müßte!"
Edmund Kanoldt an Max Jordan

 

Roma, 23. April 1897
„Sonntag, den 2. Mai 1897. Frühlingsfest in
Olevano, verbunden mit einer Scheffel-Feier
in der Serpentara (mit Damen)"
Einladungskarte des Deutschen Künstlervereins in
Rom, aus dem Archiv der Casa di Goethe

 

Roma, 23. November 2023
„Presentazione delle borsiste e dei borsisti
di Casa Baldi e Villa Serpentara a Olevano
Romano. 25 novembre 2023, con: Felix Lüdi-
cke, architetto del paesaggio"
Einladungskarte der Deutschen Akademie Rom,
Villa Massimo


Roma, Casa di Goethe, Via del Corso 18,
26. November 2023
Zurück von meinem Ausflug nach Olevano.
Mit Felix Lüdicke durch die Serpentara strei-
fen. Auf den Spuren der „Serpentara-Genos-
sen" mit Katasterplan und Heckenschere.
Es gab einen Fußpfad durch die Serpentara
nach Civitella (heute Bellegra); auf der Karte
von 1873 sieht er aus wie eine Schlange.
Wir orientieren uns an den alten Eichen, an
Felsen, Abbruchkanten in der Landschaft.
Es sind Stieleichen, keine (immergrünen)
Steineichen. Haben sich darum die deut-
schen Künstler so heimisch gefühlt?
Römische Notizen, A.M.

 

Einladungskarte "Frühlingsfest in Olevano", 2. Mai 1897. Einladungskarte des Deutschen Künstlervereins in Rom, Bildnachweis: Archiv der Casa di Goethe, Rom, Künstlerverein 16/1

 

Roma, Casa di Goethe, Via del Corso 18,
27. November 2023
Hatte heute ein sehr inspirie-
rendes Gespräch mit Dr. Claudia
Nordhoff über den Kunst
schriftsteller Friedrich Noack,
der seine Olevano-Besuche in
seinen Lebenserinnerungen
festgehalten hat. Fotovergleich:
Er war im Juni 1895 bei der Feier
in der Serpentara dabei! Julius
Zielcke, armer Maler in Rom,
der 5 Francs zur Rettung der
Serpentara beigesteuert und
später bei der „Ausholzung"
mitgemacht hat, wohnte hier
direkt um die Ecke, in der Via dei Greci 3
(vicino a Carrefour Express).
Römische Notizen, A.M.

 

Karlsruhe, 30. November 1897
„Die wieder frei zu legenden Motive und
die zu entfernenden Bäume und Sträucher
müßten von einigen Künstlern bezeichnet
werden, welche die Serpentara kannten,
wie sie vor 20 Jahren aussah – und da dies
nur ältere Künstler sein können, möchte
ich mir erlauben, [...] Maler W. Klose in
Karlsruhe, sowie mich und Herrn Maler Ziel-
cke in Rom dazu vorzuschlagen, die wir
alle jahrelang dort studiert haben und mit
aller Pietät für die uns heilige Sache eintre-
ten werden."
Edmund Kanoldt
an die Hohe Kaiserlich Deutsche Botschaft zu Rom

 

Olevano Romano, Villa Serpentara, 27. November 2023
„Habe auf der Karte und im Wald ein paar
neue Erkenntnisse, die ich gerne mit dir tei-
len/diskutieren würde. Falls es dein sicher
voller Zeitplan zulässt, lade ich dich noch
mal in die Serpentara ein."
Felix Lüdicke, Stipendiat der Villa Serpentara per
Whatsapp an Anneka Metzger

 

Friedrich Noack, Ausschnitt aus Abbildung 2, Fest anlässlich des 50-jährigen Bestehens des Deutschen Künstlervereins in Rom in der Serpentara am 2. Juni 1895,  © Foto unbekannt, Universität der Künste, Berlin, UdK-Archiv 300a-XX, 5F, Repro: Markus Hilbich, Berlin
Roma, Casa di Goethe, Via del Corso, 29. November 2023
Treffen mit der Kunsthistorikerin Monica
di Gregorio im ICCD, der Fotothek des
Ministero della Cultura. Wir schauen uns
Aufnahmen von Carlo Baldassarre Simelli
aus den 1870erJahren an. Es sind, soweit
mir bekannt ist, die ersten Serpentara-Fotos,
mit Detailaufnahmen von Felsen, Eichen,
Pflanzen. Monica vermutet, dass sie als Vor-
lagen für die Maler gedacht waren.
Römische Notizen, A.M.


Roma, Bar Gusto, Piazza S. Appolinaire,
30. November 2023
„Quel bosco invece può assumere un grande
valore – di ispirazione, ma non soltanto per
gli artisti, ma l'ispirazione per tutti."
Aus einem Gespräch mit Maria Antonietta Sartori,
Senatorin der Republik Italien und
ehemalige Bürgermeisterin von Olevano


Olevano Romano, 3. Dezember 2023
Wieder im bosco. Licht, Wolkenformatio
nen. Ein Eichelhäher warnt. Wir verglei-
chen die Simelli-Fotos auf dem Mobiltelefon
mit der Realität.
Römische Notizen, A.M.

 

Dr. Anneka Metzger,
Referentin der Archivdirektion
Akademie der Künste, Berlin
AsKI kultur leben 1/2024

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