Museum Brot und Kunst, Ulm: Heraus und Hinein - Kinder entdecken, wie viel das Museum mit ihrem Alltag zu tun hat

Im Gespräch über Überfluss und Mangel, Museum Brot und Kunst, Gemälde: Bernd Finkeldei, Was wäre, wenn...?, 1982, Acryl auf Leinwand; Foto: Bernhard Friese

 

Kultur stärkt Demokratie

Wie können Kinder ihre Alltagserfahrungen mit Themen und Exponaten eines Museums verknüpfen? Was haben Landschaft, Ressourcen und Ernährung, alles zentrale Themen im „Museum Brot und Kunst – Forum Welternährung", mit der unmittelbaren Umgebung und dem täglichen Erleben ganz junger Menschen zu tun? Wo können sie diese Zusammenhänge selbst entdecken? Das waren unsere Ausgangsfragen für das vom Arbeitskreis selbständiger Kultur-Institute e. V. – AsKI geförderte und im Sommer und Herbst 2023 durchgeführte Projekt „Heraus und Hinein. Alltag im Museum". Ziel war es, die Wahrnehmungsfähigkeit der einzelnen Kinder zu fördern, ihr Zusammengehörigkeitsgefühl in der Gruppe zu stärken und sie in die Lage zu versetzen, eigenständig Zusammenhänge zwischen ihrem Alltag und den Museumsinhalten zu erkennen.

Die Köchin mit vorbereiteten Lebensmitteln für die Kinder aus Regglisweiler; Foto: Museum Brot und Kunst

| Heraus

Oft kennen Kinder Nahrungsmittel nur als Endprodukte: Spaghetti mit Tomatensoße, Pizza oder einfach eine Brezel. Im „Museum Brot und Kunst" lassen sich einzelne Schritte der Herstellung – vom Säen des Getreides bis zum Formen der Brezel – und wesentliche Voraussetzungen – Boden, Wasser, Landwirtschaft, Industrie und Handel – darstellen und vermitteln. Doch die Anbindung an den eigenen Erfahrungshorizont ist damit noch nicht gegeben. Im Juli 2023 nahmen Schülerinnen und Schüler der dritten und vierten Klasse der Albrecht-Berblinger-Grundschule Ulm im Rahmen einer AG an zwei Nachmittagen an dem Projekt teil. Bei einem ersten Termin lernten sie das Museum kennen und beschäftigten sich mit der Geschichte der menschlichen Ernährung; insbesondere mit den großen Veränderungen seit der Industriellen Revolution, also mit dem Aufkommen massenhaft gefertigter Lebensmittel und mit der ständigen Verfügbarkeit von Produkten durch den globalen Handel. Das Video „Die Jagd" von Christian Jankowski (1992), in dem der Künstler einen gängigen Supermarkt mit Pfeil und Bogen betritt, um dort seine Einkäufe zu „erlegen", war dann Anlass für ein lebhaftes Gespräch über eigene Einkaufs- und Essgewohnheiten. Das zweite Treffen führte die Kinder zunächst noch einmal ins Museum, wo sie Landschaftsgemälde von Max Pechstein, Erich Heckel und Fritz Gärtner betrachteten und daraufhin untersuchten, wie sehr die Gestaltung der Landschaft durch den Menschen in ihnen eine Rolle spielt. Mit diesem Wissen über die vom Ackerbau geprägte Kulturlandschaft ausgerüstet, erkundeten sie im Anschluss gemeinsam die „Landschaft" ihrer vertrauten Umgebung in der Ulmer Innenstadt. Mit neugierigem Blick nahmen die Schüler und Schülerinnen nun auch hier die Gestaltung wahr und benannten eigenständig die Gegensätze zwischen Stadt und Land.

Das "Bodenspiel" als Teil der Themeninsel Ressourcen in der Dauerausstellung; Foto: Museum Brot und Kunst

| Hineinkommen

Ein etwas anderer Ansatz wurde für die Kinder zweier Klassen der dritten Klassenstufe aus der Grundschule Regglisweiler (in der ländlichen Umgebung Ulms) gewählt, die jeweils einen ganzen Tag im Museum zu Gast waren: In diesem Fall begann das Projekt direkt in der „Stadtlandschaft", um genau zu sein, am Ulmer Busbahnhof. Nach einer Begrüßung durch die Museumspädagogin wurde der Weg zum Museum zur Erkundungs- und Entdeckungstour: Gibt es in der großen Stadt Landschaft? Wie sehen die Böden aus? Was wächst hier? Ist das essbar? Mit den frisch gesammelten Eindrücken kam die Gruppe im Museum an und verglich diese nun direkt mit den bereits genannten Landschaftsdarstellungen von Pechstein, Heckel und Gärtner, die auf je eigene Weise „Natur" und Kulturlandschaft abbilden. Es wurde rasch deutlich, dass es die Böden sind, die in der Stadt und auf dem Land unterschiedlich genutzt werden. Im dicht bebauten Stadtgebiet sind auch viele freie Flächen mehr oder weniger versiegelt. Und selbst wo dies nicht der Fall ist, haben die „Grünflächen" eine städtische Funktion als Spielplatz, Park oder ähnliches. Auf dem Land gibt es dagegen große Äcker, Felder und Wiesen. Der Boden dort wird genutzt, um Getreide, Gemüse oder Obst anzubauen und um Tiere mit Futter zu versorgen. Anhand des interaktiven „Bodenspiels" in der Dauerausstellung ließ sich weiter vertiefen, wie Boden für unsere Ernährung genutzt werden kann. 2.000 qm fruchtbare Anbaufläche, die durchschnittlich jedem Menschen zur Verfügung stehen, lassen sich direkt für den Anbau von Lebensmitteln, aber eben auch für Tierfutter oder Bio-Diesel verwenden. Tatsächlich greifbar wurde für die Kinder an dieser Stelle, dass die Ressource „Boden" nicht unbegrenzt verfügbar und daher enorm wertvoll ist. Darüber, wie die zeitgenössische Künstlerin Claire Pentecost diese Einsicht in ihrer Installation aus Kompostbarren (Soil-erg, 2012) verarbeitete, konnten sie dann kompetent diskutieren. Ergänzend bot die Sonderausstellung „Lebenselixier – Dünger zwischen Zauberkraft und Sprengstoff" die Möglichkeit, im Pflanzenexperiment nachzuvollziehen, welche Rolle Wasser und Düngung beim Wachstum von Pflanzen spielen.

Claire Pentecost, Soil-erg, 2012, Kompostbarren; Foto: Museum Brot und Kunst

| Tischgemeinschaft

Angeleitet von einer professionellen Köchin hatten die Drittklässler aus Regglisweiler anschließend Gelegenheit im Museum ganz praktisch mit Nah-rungsmitteln umzugehen. Die Köchin stellte sich und ihren Beruf kurz vor. Eingehend besprach sie mit den Kindern, welche Lebensmittel sie mitgebracht hatte und was sie mit ihnen daraus zubereiten würde. Neben Spätzle aus Dinkelmehl waren das Linsen, Gemüse und unterschiedliche Kräuter. Jede und jeder bekam eine Aufgabe: Gemüse putzen und schneiden, Linsen kochen, Spätzle anrösten, die große Tafel decken etc. Das fröhliche gemeinsame Essen war ein Höhepunkt des Tages, aber nicht der Abschluss. Direkt beim Aufräumen ergab sich die Frage nach dem Umgang mit Essensresten im Speziellen und Lebensmitteln im Allgemeinen. Welche Folgen hat unser Überfluss und was wäre eigentlich, wenn wir den nicht hätten? Wie fühlt sich wohl Mangel oder sogar Hunger an? Überlegungen die – zurück in der Ausstellung – vor dem Gemälde „Was wäre, wenn...?" von Bernd Finkeldei (1982), das einen leeren Einkaufswagen zeigt, formuliert und debattiert wurden. Getreide als Sinnbild für Nahrung, ließ sich schließlich mit dem zeitgenössischen Gemälde „Ähre" von Markus Lüpertz (1971) in Verbindung bringen. Hier wurde thematisiert, welche Getreidearten die Kinder kennen und in welcher Form viele sie fast täglich zu sich nehmen, als Nudeln, Brot oder Müsli. Mit beiden Gruppen, die am Projekt teilnahmen, konnte die Erfahrung gemacht werden, dass der abwechslungsreiche Ablauf und der niederschwellige Themenzugang es den acht- bis zehnjährigen Kindern ermöglichte, sich konzentriert und engagiert an den einzelnen Programmpunkten zu beteiligen. Die Anknüpfungspunkte, die ihnen geboten wurden, um die Exponate des Museums mit ihrer Alltagswelt in Verbindung zu bringen, griffen sie auf und entwickelten rasch eigenständige Überlegungen und eine größere Selbstsicherheit, um diese zu artikulieren. Die Methode zeigt, dass Kinder künstlerische Interpretationen als Beitrag zur Deutung ihres eigenen Erlebens nutzen können.

Dr. Marianne Honold
Pogramm und Pressearbeit,
Museum Brot und Kunst - Forum Welternährung

AsKI kultur leben 1/2024 

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