Deutsches Hygiene-Museum, Dresden: Zwischen Tradition und Transformation

Richard Hambach (1917–2011), „Kundi“ – Ausstellungsmodell des Maskottchens des DHMD, Deutsches Hygiene-Museum, 1983, Metall/Kunststoff/Textil; © Sammlung DHMD, Foto: materialmatters

Das Hygiene-Museum beleuchtet mit „VEB Museum" seine eigene Geschichte in der DDR

Mehr als 30 Jahre nach dem Ende der DDR wird heute noch immer darüber diskutiert, was wir über dieses abgewählte und untergegangene Land eigentlich wissen und wie wir es erinnern sollten. Schon die konkurrierenden Bezeichnungen für die politische wie gesellschaftliche Zäsur von 1989/90 – „Friedliche Revolution", „Wende", „Wiedervereinigung" oder „Systemwechsel" – machen unterschiedliche Perspektiven und Positionen deutlich und zeigen die Sprengkraft, die in diesen Debatten steckt. Angesichts des Zuspruchs, den populistische Positionen insbesondere auch in Ostdeutschland erfahren, wird gegenwärtig immer wieder die Frage aufgeworfen, ob ein Zusammenhang zwischen der Sozialisation im SED-Staat und den aktuellen politischen Haltungen bestehen könnte. Gleichzeitig nimmt die Geschichts- und Sozialforschung inzwischen auch weniger bekannte Aspekte der DDR-Zeit wie die internationale Verflechtung mit den sozialistischen „Bruderstaaten" in den Blick, während sich die öffentliche Debatte für eine differenziertere Wahrnehmung der individuellen Erfahrungen von Menschen mit DDR-Biografie öffnet.

Eva Schulze-Knabe (1907–1976), Afrikani- sche Freundinnen, 1966, Mischtechnik auf Mischgewebe; Nachweis: Kunstfonds, Staatliche Kunstsammlungen Dresden © Nachlass Eva Schulze-Knabe, Foto: SKD, Herbert Boswank

Vor diesem Hintergrund nimmt das Deutsche Hygiene-Museum in den kommenden Monaten in einer großen, von den Kuratorinnen Sandra Mühlenberend und Susanne Wernsing konzipierten Sonderausstellung seine eigene Institutionsgeschichte in den Blick. „VEB Museum. Das Deutsche Hygiene-Museum in der DDR" (9. März bis 17. November 2024) wirft damit gleichzeitig auch Schlaglichter auf zentrale Bereiche von Gesellschaft, Ökonomie, Politik und Kultur des sozialistischen deutschen Staats. Im Mittelpunkt der Ausstellung steht das ungewöhnlich vielschichtige Profil des Museums in der DDR: Als staatliches „Institut für Gesundheitserziehung" war es nämlich nicht nur ein gut besuchter Ausstellungsort, sondern gleichzeitig ein Produktionsbetrieb für anatomische Modelle und andere medizinische Lehr- und Aufklärungsmittel und nicht zuletzt auch ein „Klubhaus", in dem zahlreiche kulturelle Veranstaltungen stattfanden.

Gerhard Richter (*1932), Lebensfreude, 1956, Wandgemälde im Treppenfoyer Süd des Deutschen Hygiene- Museums, Zustand 1969; © Sammlung DHMD, Foto: Erich Auerbach; für das Wandgemälde: © Gerhard Richter 2024 (01022024), courtesy Gerhard Richter Archiv Dresden

Die Ausstellung zeigt zunächst, wie das Museum mit seinem Produktionsbetrieb während des Kalten Krieges in die internationalen politischen und wirtschaftlichen Beziehungen der DDR eingebunden war. Sie greift dabei auch aktuelle postkoloniale Perspektiven auf und fragt nach Migrationsgeschichten unter sozialistischen Bedingungen. Anschließend stellt sie das Staatsverständnis, die Machtstrukturen und autoritären Mittel zur Diskussion, mit denen die propagierte sozialistische Gesundheitspolitik verwirklicht werden sollte. Die Ausstellung erzählt weiterhin, unter welchen Bedingungen die weltweit exportierten Produkte hergestellt worden sind, und sie erinnert schließlich an die vielfältigen sozialen und kulturellen Aktivitäten innerhalb des Museums, wie sie für die sozialistische Gesellschaft prägend waren. Mit dem Rückblick in den Mikrokosmos des Dresdner Museums ermöglicht die Ausstellung ein generationsübergreifendes Gespräch über das Leben in der DDR und über den Systemwechsel nach 1989. Sie richtet sich gleichermaßen an ein Publikum mit ostdeutscher Sozialisation wie an Besucherinnen und Besucher, denen die DDR aus eigenem Erleben nicht vertraut ist. Sie bietet unterschiedlichen Erinnerungen und aktuellen Kontroversen eine öffentliche Bühne und stellt auf diese Weise gängige Vorstellungen vom Leben in der DDR zur Diskussion.

 Herstellung der Gläsernen Kuh, Werkstätten des Deutschen Hygiene-Museums, 1962, Fotografie © Sammlung DHMD

Objekte aus der Sammlung des Deutschen Hygiene-Museums, Alltagsgegenstände, fotografische und filmische Zeugnisse sowie Werke der DDR-Kunst fügen sich zu einem vielschichtigen Tableau zusammen, das nicht nur historische Zäsuren und Kontinuitäten zeigt, sondern auch aktuelle Themen wie Globalisierung, Rassismus, Geschlechterverhältnisse und Umweltschutz aufgreift. Für die Ausstellung wurden Video-Interviews mit zahlreichen Zeitzeugen geführt, in denen individuelle Perspektiven auf dieses wichtige Kapitel der Zeitgeschichte sichtbar werden; zu Wort kommen in diesem Projekt ehemalige Mitarbeitende des Museums, Angehörige migrantischer Communities in Dresden, aber auch Kulturschaffende der DDR. Für die Gestaltung des Ausstellungsprojekts konnte ein renommiertes Team gewonnen werden, dessen Expertise aus Film und Bühne jetzt auch im Museum sichtbar wird: Die Szenenbildnerin Susanne Hopf, die 2019 mit dem Deutschen Filmpreis für das beste Szenenbild in Andreas Dresens „Gundermann" ausgezeichnet wurde, und der Bühnenbildner Mathis Neidhardt, der an vielen großen Theater- und Opernhäusern tätig ist, haben für die Exponate sowie Besucherinnen und Besucher einen immersiven Erfahrungsraum entwickelt. Die Funktionsräume des Museums wie Werkstatt, Direktorenzimmer, Atelier, Trafostation oder Klubhaus gliedern die Ausstellung gestalterisch und inhaltlich. Erfahrbar wird auf diese Weise, wie sich in solchen Räumen die Arbeitswelt und die politische Realität der DDR-Gesellschaft auf spezifische Weise verflochten haben.

Anatomisches Modell des weiblichen Körpers in Lebensgröße , Lehrmittelproduktion DHMD, 1961–1980, Kunststoff; Nachweis: Sammlung DHMD, Foto: Gunter Binsack

Während der Laufzeit von „VEB-Museum" bietet das Museum seinem Publikum darüber hinaus noch eine besondere Attraktion: Im Foyer unmittelbar vor der Ausstellung wird in einer öffentlichen Schaurestaurierung das Wandbild „Lebensfreude" teilweise wieder freigelegt, bei dem es sich um die Diplomarbeit des heute weltberühmten Künstlers Gerhard Richter handelt. Das Gemälde, mit dem Richter 1956 sein Studium an der Hochschule für Bildende Künste abgeschlossen hatte, war 1979 in Abstimmung mit dem Denkmalschutz überstrichen worden, um den ursprünglichen architektonischen Zustand des Museumsgebäudes von Wilhelm Kreis von 1930 wiederherzustellen. Nachdem der Künstler eine erste Anfrage in den frühen 1990er-Jahren noch abschlägig beschieden hatte, erklärte sich Gerhard Richter im vergangenen Jahr damit einverstanden, Teile des Gemäldes im Kontext des Ausstellungsprojekts wieder freilegen zu lassen. So können die Besucherinnen und Besucher schon vor dem Betreten der Ausstellung dabei zuschauen, wie eine bedeutende Zeitschicht, die sich im Museumsgebäude eingeschrieben hat, wieder lesbar gemacht wird. Das Restaurierungsprojekt schafft so eine gute Voraussetzung, um sich auf die Themenwelt der Ausstellung einzustimmen.

Öffentlichkeitsarbeit
Deutsches Hygiene-Museum
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Deutsches Hygiene-Museum, Dresden
VEB Museum. Das Deutsche Hygiene-Museum in der DDR
9. März bis 17. November 2024
www.dhmd.de

AsKI kultur leben 1/2024

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