Archiv der Akademie der Künste, Berlin: Poesie der Zeit. Michael Ruetz - Timescapes 1966-2023

Michael Ruetz: aus Timescape 162, 162.0 January, Pariser Platz, Berlin-Mitte; © Michael Ruetz

Wie lassen sich Zeit und Vergänglichkeit sichtbar machen, wie Veränderungen in der Gesellschaft, in der Landschaft oder im Stadtraum dokumentieren? Wie kaum ein anderer Künstler hat sich Michael Ruetz in seinem fotografischen Werk mit diesen Fragen beschäftigt. Seit Mitte der 1960er-Jahre beobachtete er in einer großangelegten fotografischen Studie den vor allem vom Menschen verursachten Wandel natürlicher und urbaner Lebenswelten und hielt die Veränderungen in Berlin und anderen Orten in Deutschland und Europa in einer Folge von Fotografien fest. Entstanden ist daraus ein monumentales Werk, dem sich der Fotokünstler über einen Zeitraum von fast sechzig Jahren widmete und das heute mehr als 600 Serien mit Tausenden von Aufnahmen umfasst. Er hat seinen Bilderfolgen den treffenden Namen „Timescapes" gegeben, ein Kunstwort, das keine direkte deutsche Entsprechung hat und die Begriffe von Zeit und Landschaft verbindet. In dem dreiteiligen Projekt dokumentierte Ruetz unter-schiedliche Metamorphosen von Personen und Interieurs („Facing Time", seit 1990), der Landschaft („Die absolute Landschaft", 1989–2012) und der urbanen Umwelt („Eye on Time", 1966–2023). Dabei wechselte er unmerklich von der analogen zu digitalen Fototechnik. Eines blieb aber immer gleich und wurde zum zentralen Konzept seiner „Zeitlandschaften": Standort und Sichtachse des Fotografen. Nur die zeitlichen Intervalle der Bilderserien wurden flexibel bestimmt. Eine Ausnahme bildet nur die Serie „Facing Time", bei der auch Positionen der Personen, Aufnahmeort sowie Ausrichtung der Kamera variieren.

Michael Ruetz: aus Timescape 817.189-F-III, August 7–8 1992 22:30-00:00 h, Die absolute Landschaft; Copyright: Michael Ruetz

Im Mittelpunkt der Ausstellung „Poesie der Zeit. Michael Ruetz Timescapes 1966–2023", stehen die „Timescapes" von Berlin und seiner Umgebung. Michael Ruetz hat früh erkannt, dass sich die Metropole in besonderer Weise eignet, den tiefgreifenden Wandel der deutschen Gesellschaft zu dokumentieren. Seine Heimatstadt wurde zu einem der wichtigsten Schauplätze seiner Bilderserien. In Zeitsprüngen zeigt er die Veränderungen der Stadt in der Nachkriegszeit, nach der Wiedervereinigung und in der Gegenwart. Motive sind historische Orte und Schauplätze der Macht wie der Potsdamer Platz, das Brandenburger Tor, der Schlossplatz, Gendarmenmarkt, das Regierungsviertel oder die Berliner Mauer, die vor allem seit 1989/90 eine rasante Änderung erfahren haben. Gebäude und Blickachsen verschwanden oder entstanden neu, Straßen wurden zurückgeführt oder anders benannt, Plätze radikal umgestaltet, freie Flächen bebaut, Brachen wiederbelebt.

 Michael Ruetz: aus Timescape 1077, 1077.0 April 11 1966 11:40 h; 1077.1 April 11 2002 11:40 h, Gendarmenmarkt, Berlin-Mitte; Copyright: Michael Ruetz

„Das steinerne Berlin" ist für den Fotokünstler auch eine Metapher für Urbanisierungsprozesse in der gesamten westlichen Welt. „Hier geht es um die Wandlung der urbanen Umwelt infolge menschlicher Einwirkung. Die Metamorphose der verhältnismäßig kleinen Metropole Berlin – bis 1989 gedrosselt, nach 1989 überschleunigt – ist eine sehr prägnante Parallele zur weltweiten Wandlung urbaner Konglomeration" (Ruetz, 2022). Michael Ruetz hat seine Timescapes als „Historiographie der Gegenwart" bezeichnet. Die Bilderfolgen faszinieren und frappieren zugleich. Sie faszinieren durch die kluge und weitsichtige Auswahl der Schauplätze wie die besondere Ästhetik, die sich abseits dokumentarischer Nüchternheit entfaltet und die Poesie der Zeit offenbart. Und sie frappieren: Zum einen, weil man immer wieder daran zweifelt, ob die im Zeitraffer gezeigten Veränderungen wirklich an ein und demselben Ort stattgefunden haben und zum andern durch ihre politische Aktualität. In einer Zeit existentieller ökologischer und sozialer Krisen mahnen sie, die Prinzipien von Stadtentwicklung und Städtebau neu zu überdenken.

Michael Ruetz: aus Timescape 1077, 1077.0 April 11 1966 11:40 h; 1077.1 April 11 2002 11:40 h, Gendarmenmarkt, Berlin-Mitte; Copyright: Michael Ruetz

Der Pariser Platz eignet sich in besonderer Weise als Ausstellungsort. An diesem Brennpunkt deutscher Geschichte wird deutlich, wie die Brüche und Verwerfungen des 20. Jahrhunderts ihre Spuren in Topografie und Gebäuden eingegraben haben. Vor der französischen Botschaft entstand im August 2023 das letzte Bild, mit dem der Fotokünstler die Serie „Timescape 162" und damit auch sein monumentales Werk abgeschlossen hat. Und schließlich befindet sich am Pariser Platz 4 die Akademie der Künste, der Michael Ruetz seit 1998 als Mitglied angehört.

Werner Heegewaldt
Direktor des Archivs der Akademie der Künste
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Archiv der Akademie der Künste
Poesie der Zeit. Michael Ruetz - Timescapes 1966-2023
9. Mai bis 4. August 2024
www.adk.de

AsKI kultur leben 1/2024

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