Richard Wagner Museum Bayreuth: "Mensch Wagner"

Stiefel Richard Wagners, um 1880, Leder; © Nationalarchiv der Richard-Wagner-Stiftung Bayreuth

Richard Wagner: Komponist, Dichter, Dramatiker, Schriftsteller, Kunstphilosoph, Regisseur, Dirigent, Egomane, Schwerenöter, Antisemit, Linksradikaler, Klimaschützer, Tierfreund, Genie... – Aber wer war Richard Wagner wirklich? Im Rahmen seiner Sommerausstellung 2024 unternimmt das Richard Wagner Museum den Versuch, den „Mythos Wagner" zu dekonstruieren, um sich dem Menschen Richard Wagner zu nähern. Zahllos sind bereits zu seinen Lebzeiten Veröffentlichungen über den „Meister". Dabei wird er vor allem nach seinem Tod gerne zum Übermenschen stilisiert – nicht zuletzt durch das Zutun seiner Nachkommen und Sachwalter. Aber während das Genie gefeiert wurde, fand man für den Menschen Wagner schon zu Lebzeiten meist wenig schmeichelhafte Worte: Clara Schumann missfielen seine Arroganz und sein weinerliches Lachen, der Schriftsteller Alfred Meißner entdeckte „Giftkochendes" im noch jungen Komponisten und Eduard Devrient sah einen „wunderlichen Hitzkopf, der immer die Dinge erst schlimm macht, um nachher, wenn es zu spät ist, um Hilfe zu rufen".

Gedicht mit Selbstporträt, Richard Wagner (1813-1883), 1841, Tinte/Papier; © Nationalarchiv der Richard-Wagner-Stiftung Bayreuth

Vom „alltäglichen" Wagner gibt es dagegen kaum Spuren, denn der Mythos kennt keinen Alltag. Auch Wagner selbst modellierte zeitlebens am eigenen Bild und betrieb so das intensive „self-fashioning" eines begabten „Influencers" – und das bereits weit über 100 Jahre vor den Sozialen Medien des Internets. Seine autobiografischen Texte, seine zahlreichen Aufsätze und Briefe sowie sein musikalisches und dramatisches Werk zeichnen dabei ein sehr vielschichtiges, oft widersprüchliches Bild von dem Menschen, der sich hinter dem „Mythos Wagner" verbirgt. Der Mensch Wagner wird daher fast ausschließlich in den zu Papier gebrachten Erinnerungen und Beobachtungen der Familie, von Zeitgenossen, kritischen wie befreundeten Gefährtinnen und Gefährten sowie ab ungefähr der Mitte seines Lebens auch der Presse erkennbar. Andere Realien und Zeugnisse seiner Lebenswirklichkeit wurden der Überlieferung zumeist für wertlos oder dem Mythos und dem Kult um seine Person und sein Werk nicht zuträglich befunden. Erhaltene Alltagsgegenstände aus seinem persönlichen Besitz und Umfeld wie beispielsweise Brillen, Samtbaretts oder der Strohhut, den er 1881 auf einem bekannten Familienfoto trägt, fungierten dagegen vor allem als Reliquien eines hypertrophen Wagner-Kults. Wie sich also einem Menschen nähern, der sich einer oft banalen Lebenswirklichkeit durch Stilisierung, Ästhetisierung und Selbstinszenierung zu entziehen suchte und der nach seinem Tod zum übermenschlichen und zeitlosen Denkmal wurde?

Reisewasserglas, um 1870, Glas, Leder, Messing; © Nationalarchiv der Richard-Wagner-Stiftung Bayreuth

Die Ausstellung fügt lose und verstreute Puzzleteile neu zusammen, um dem Menschen Wagner ein Profil zu geben. Durch Kinderstube und Schule, Küche und Garderobe, Bibliothek und Arbeitszimmer  führt die Suche nach dem Richard Wagner, der nicht als „Meister" geboren wurde und selbst dann dem „Menschlich-Allzumensch-lichen" (Nietzsche) nicht entkam. Die insgesamt rund 430 Lebensstationen und Wohnorte Wagners, welche „Larousse de la musique" 1957 auflistet, zeugen von dauernder Unruhe. Woher rührte diese Unstetheit? War sie eine Ausnahme oder gehörte sie zu den normalen Lebensumständen eines Künstlers, dessen Broterwerb als Dirigent sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts gerade erst als anerkannter Beruf zu etablieren begann? Was verdiente Richard Wagner eigentlich, was konnte er sich leisten und welche Dimensionen hatten seine Schulden? Eine Bilanz seines Lebens klärt auf und rechnet um in Euro. Wanderungen und oft lange Reisen, die Wagner zu Fuß, mit der Kutsche und später mit der Eisenbahn zurückgelegte, zeigen die Veränderungen der Mobilität durch die Frühindustrialisierung und stehen damit exemplarisch für die Umbrüche, welche die Industrielle Revolution des 19. Jahrhunderts in Wirtschaft und Gesellschaft zur Folge hatte. Wie hat Richard Wagner die Moderne und deren Zeitgeist wahrgenommen und erlebt? Mit Hilfe der Abrechnungen seiner „Putzmacherin" Bertha Goldwag wird Richard Wagner in der Ausstellung eingekleidet. Eine Mindmap seines intellektuellen Netzwerks verdeutlicht Grundlagen, Einflüsse und Veränderungen in seinem Denken. Darüber legt sich ein persönliches Netzwerk aus Familie, Freund- und Liebschaften, Geschäftspartnern, Kritikern und Gegnern und zeigt so das ebenso ambivalente wie ausgedehnte soziale Umfeld des sich darin stets zentral denkenden Egomanen.

Richard Wagner als türkischer Wesir, Ernst Benedikt Kietz (1815–1892), 1850, Tusche/Papier; © Nationalarchiv der Richard-Wagner-Stiftung Bayreuth;

Er hasste Obst und Blumen, verschlang Zwieback und Cacoigna, die Küche war ebenso bescheiden-bürgerlich wie die Cheroots-Zigarren, die er rauchte. Exklusiv war hingegen seine Vorliebe für Champagner, die glücklicherweise durch seinen Freund Paul Chandon de Briailles adäquat und kostenfrei durch Lieferungen aus dem Hause Moët & Chandon befriedigt wurde. In der Ausstellung geben „Speisekarten" für Alltag, Festmahl und Schonkost Aufschluss über Richard Wagners Lebenswandel und dessen Konsequenzen. Die Anzahl seiner Ärzte überstieg wahrscheinlich diejenige seiner Liebschaften, und beide addiert erreichen wohl nicht annähernd die Anzahl seiner Gläubiger. Leiden und Krankheiten werden auf einer „Schmerzpuppe" markiert. Seine vor allem in Cosimas Tagbüchern dokumentierten Träume geben Einblick in sein Unterbewusstsein. Und obwohl er seine Gruft im Park des Hauses sorgfältig plante und beinahe fast täglich deren Baufortschritt begleitete, hinterließ er kein Testament, das sein Vermächtnis in seinem Sinne hätte regeln können. Vor dem Hintergrund einer Topografie des 19. Jahrhunderts, dessen „vollständigster Ausdruck" Wagner nach Thomas Mann war, zeigt die Ausstellung Richard Wagner so weniger als den selbstschöpferischen, genialen Demiurgen und Visionär, sondern als Kind seiner Zeit und Produkt seiner Lebensumstände.

Dr. Sven Friedrich
Museums- und Archivdirektor
Richard Wagner Museum
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Richard Wagner Museum Bayreuth
Sonderausstellung "Mensch Wagner"
14. Juli bis 6. Oktober 2024
www.wagnermuseum.de

AsKI kultur leben 1/2024

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