Klassik Stiftung Weimar: Sophie.Macht.Literatur - Eine Regentin erbt Goethe

Richard Lauchert: Sophie von Sachsen- Weimar-Eisenach, 1855; © Klassik Stiftung Weimar, Museen

Sonderausstellung zum 200. Geburtstag der Großherzogin Sophie von Sachsen-Weimar-Eisenach

Zum 200. Mal jährt sich 2024 der Geburtstag einer außergewöhnlichen Frau: der Großherzogin Sophie von Sachsen-Weimar-Eisenach. Ihr Wirken ging weit über das für Regentinnen übliche kulturelle Mäzenatentum hinaus. Mit der Initiierung der ersten Gesamtausgabe von Goethes Werken und der Gründung des ersten deutschen Literaturarchivs schrieb sich die gebürtige Niederländerin unwiederbringlich in die deutsche Kulturgeschichte ein. Als Achtzehnjährige heiratete die einzige Tochter des niederländischen Königs Willems II. und der russischen Zarentochter Anna Pawlowna 1842 ihren Cousin Carl Alexander von Sachsen-Weimar-Eisenach in Den Haag und kam kurze Zeit später in die Stadt Goethes und Schillers. In ihrer jüngeren Kindheit in praktischen Tätigkeiten wie dem Melken und Spinnen unterwiesen, wurde Sophie erst ab dem zehnten Lebensjahr durch eine höfische Bildung auf ihre künftige Regentinnenrolle vorbereitet: Sie beherrschte mehrere Sprachen – Französisch war ihre Muttersprache –, las die Werke bedeutender Dichter wie William Shakespeare im Original und begeisterte sich für die philosophischen Schriften Blaise Pascals und Francis Bacons.

Mit ihrem praktisch geschulten Blick und durch ihr Elternhaus finanziell bestens ausgestattet, gründete und unterstützte die zutiefst gläubige Christin im Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach unterschiedliche Stiftungen und soziale Einrichtungen, von denen einige ihren Namen tragen wie das Sophienstift – eine Bildungseinrichtung für Töchter höherer Stände – und das Sophienhaus – eine Institution und Ausbildungsstätte für die Krankenpflege. Für beide Weimarer Einrichtungen finanzierte Sophie eigene Gebäude. Die außergewöhnliche Lebensleistung dieser literarisch gebildeten Frau verdankt sich allerdings einem ganz besonderen Erbe. Im April 1885 – Sophie war bereits 61 Jahre alt – erhielt sie als Privatperson (!) den handschriftlichen Nachlass Johann Wolfgang von Goethes, der ebenso wie das Wohnhaus des Dichters bisher von seinen Erben vor der Öffentlichkeit verschlossen gehalten wurde. Goethes letzter direkter Nachfahre, der Enkel Walther, übertrug ihr dieses Erbe testamentarisch „als Beweis tief empfundenen, weil tief begründeten Vertrauens". (Sophie und ihr Ehemann hatten jahrzehntelang mit ihm einen freundschaftlichen Kontakt gepflegt.)

 Handschriftensaal im Goethe- und Schiller-Archiv, 1954; © Klassik Stiftung Weimar, Goethe- und Schiller-Archiv

Bereits fünf Tage nach der Testamentseröffnung am 17. April 1885 ließ Sophie die wertvollen Handschriften ins Weimarer Stadtschloss bringen und begann, sie zu sichten. Am 5. Mai 1885 entwarf sie eine Art Masterplan, um die vor ihr liegenden Großaufgaben zu definieren: die Errichtung eines forschungsbasierten Goethe-Archivs, die wissenschaftliche Bearbeitung seiner Werke und die Erstellung einer umfassenden Biografie, die den Ausnahmemenschen in seinen unterschiedlichen Rollen als Dichter, Naturwissenschaftler, Staatsmann und Bildenden Künstler vorstellt. Sophies Aktivitäten zeigen nicht nur die Bestrebungen einer kulturbegeisterten Frau und Regentin, sie sind zugleich Zeugnisse des Wilhelminischen Zeitgeistes. Nationale Identität wurde im noch jungen Deutschen Reich nicht ohne nationale Literatur gedacht – und Goethe galt als geeignete Projektionsfigur. Komplementär zur politischen Hauptstadt Berlin sollte Weimar als geistige Hauptstadt Deutschlands etabliert werden. Für die Weimarer Ausgabe, die erste Gesamtausgabe von Goethes Werken, die sogenannte „Sophienausgabe", warb die Regentin gemeinsam mit renommierten Goethe-Forschern wie Gustav von Loeper und Herman Grimm Germanisten aus dem gesamten Deutschen Reich an. Nun wurde mit vereinten Forscherkräften das hochambitionierte Vorhaben in beachtlich kurzer Zeit umgesetzt: Die Weimarer Ausgabe erschien von 1887 bis 1919 in 143 Bänden.

Fotoatelier Held: Sophie von Sachsen-Weimar-Eisenach, 1888; © Klassik Stiftung Weimar, Museen

Um ihre Ziele zu verwirklichen, griff Sophie hin und wieder selbst ins Forschungsgeschehen ein: Herman Grimm etwa musste das von ihm verfasste Vorwort auf ihren nachdrücklichen Wunsch hin zweimal ändern. Passagen aus Goethes erotischen Schriften, den „Venetianischen Epigrammen" und „Römischen Elegien", hielt sie vor der Veröffentlichung zurück. Sie wies an, allen nicht an der Weimarer Ausgabe beteiligten Forschern den Zugang zu Goethes Handschriften zu verwehren, um den Exklusivanspruch des nationalen Großprojekts nicht zu gefährden. Mit der Schenkung von Schillers Nachlass 1889 und dem Hinzukommen weiterer Bestände der nun in „Goethe-und Schiller-Archiv" umbenannten Institution wuchs die Notwendigkeit, ein eigenständiges Archivgebäude zu errichten. Nach dem Vorbild des Petit Trianon in Versailles, einem frühklassizistischen Schloss, ließ Sophie aus ihrer Privatschatulle einen eigenen Archivbau errichten, dessen Ausführung sie akribisch kontrollierte. Neben Arbeitszimmern für Forscher dachte sie von vornherein die öffentliche Präsentation historischer Originale mit, die in drei Handschriftensälen im Herzen des Hauses gezeigt wurden. Mit der feierlichen Einweihung am 28. Juni 1896, deren Gäste politisch wohl bedacht geladen wurden, öffnete das erste forschungsbasierte Literaturarchiv Deutschlands seine Türen für Forscher und Ausstellungsbesuchende.

Sophie von Sachsen-Weimar-Eisenach: Die Aufgabenstellung des Goethe-Archivs, 5. Mai 1885, S. 1; © Klassik Stiftung Weimar, Goethe- und Schiller-Archiv

Anders als die beiden nationalen Großprojekte wurde die geplante Goethe-Biografie trotz umfangreicher Vorarbeiten Gustav von Loepers nie realisiert. Ihre Umsetzung war auf wissenschaftspolitische Schwierigkeiten gestoßen. Die Ausstellung „Sophie. Macht. Literatur – Eine Regentin erbt Goethe" zeigt, welchen Einfluss die Großherzogin auf die Konstituierung des nationalen wie internationalen Goethe-Bildes bis heute hat, und verbindet damit die Frage nach dem Wechselverhältnis von Literatur und politischer Macht in Geschichte und Gegenwart. An juristischen Dokumenten, persönlichen und dienstlichen Briefen, handschriftlichen Arbeitsmaterialien, Fotografien, Büchern und kulturhistorischen Exponaten reflektiert die Präsentation kritisch die besondere Lebensleistung der Großherzogin für die Goethe-Forschung. Einen besonderen Zugang zum Thema bietet eine interaktive Medienstation, die vom Arbeitskreis selbständiger Kultur-Institute e. V. – AsKI gefördert wurde. In einem kreativen Zuordnungsspiel erfahren die Besucherinnen und Besucher hier mehr über die Forschenden und andere an Sophies Projekten beteiligte Personen. Die Ausstellung führt das Wirken einer Niederländerin vor Augen, die mit der Weimarer Ausgabe und dem Goethe- und Schiller-Archiv zwei der renommiertesten nationalstaatlichen Projekte zur Förderung deutscher Literatur umgesetzt und größtenteils aus ihrem Privatvermögen finanziert hat. Einmal mehr wird damit deutlich, dass Archive und die in ihnen aufbewahrten Nachlässe keine reinen Speichermedien, sondern stets gesellschaftspolitisch beeinflusste und wirkende Instanzen zur Fortschreibung unseres kollektiven Gedächtnisses sind.

Dr. Sabine Schimma
Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Goethe-
und Schiller-Archiv und Ausstellungskuratorin,
Klassik Stiftung Weimar

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Klassik Stiftung Weimar. Goethe- und Schiller-Archiv
Sophie.Macht.Literatur: Sonderausstellung zum 200. Geburtstag
der Großherzogin Sophie von Sachsen-Weimar-Eisenach
8. April bis 15. Dezember 2024
www.klassik-stiftung.de

Gegen Ende der Ausstellungslaufzeit, im Oktober 2024, erscheint ein Sammelband.

AsKI kultur leben 1/2024

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