documenta archiv, Kassel: IN | OUT Kanonisierungsprozesse moderner Kunst und die erste documenta

Plakat der ersten documenta (1955); Bildrechte: documenta archiv

Kennen Sie Pablo Picasso? – „Wer nicht?!", werden Kunstinteressierte verwundert über diese Frage denken. Ähnliches stünde zu erwarten, wenn es etwa um Max Beckmann, Marc Chagall oder Paula Modersohn-Becker ginge. Denn sie gehören zu den schöpferischen Persönlichkeiten, denen weithin eine hohe Relevanz für die Kunst des 20. Jahrhunderts beigemessen wird. Ihre Werke ziehen ein breites Publikum an und erreichen auf dem Kunstmarkt spektakuläre Preise. Die Kunstwissenschaft schreibt und spricht über sie. Kurz: Sie sind Teil eines Kanons der Moderne. Wer in den Kanon kommt oder nicht, ist nicht nur eine Frage der Qualität. In jüngerer Zeit wurde vermehrt auf die strukturelle Benachteiligung von Frauen oder People of Color im Betriebssystem Kunst hingewiesen. Damit rücken die Institutionen, Personen und Prozesse in den Fokus, die Künstler und Künstlerinnen zu „Klassikern" machen. Als besonders wirkmächtig gilt hierbei die erstmals 1955 veranstaltete documenta in Kassel. Die Auswahl künstlerischer Positionen auf ihren frühen Ausgaben wird heute verstärkt mit Blick auf das Verhalten ihrer Organisatoren im Nationalsozialismus hinterfragt.

Podium auf der Tagung „IN | OUT“ mit Reinhard Spieler, Annette Tietenberg, Christian Fuhrmeister und Birgitta Coers, 2023 (v.l.n.r.);: © documenta archiv / Foto: Nicolas Wefers

Die wissenschaftliche Tagung „IN | OUT" des documenta archiv stellte sich die Aufgabe, Kanonisierungsprozesse moderner Kunst im Kontext der ersten documenta zu beleuchten und sie einer differenzierten Betrachtung zu unterziehen. Mit einer Abendveranstaltung im Museum Fridericianum, dem historischen Schauplatz der documenta, wurde das Programm am 30. November 2023 eröffnet. Nach der Begrüßung durch den Geschäftsführer der documenta und Museum Fridericianum gGmbH, Andreas Hoffmann, führte Birgitta Coers, Direktorin des documenta archiv, in die Tagung ein. Dabei umriss sie das breite Themenspektrum und stellte das „sublimierende Bedürfnis nach Ordnung" als eine Triebfeder von Kanonbildung in den Raum. In seiner Keynote „Wer braucht wann warum welches Bild von ‚moderner Kunst'? " verdeutlichte Christian Fuhrmeister (München), wie heterogen die Vorstellungen von moderner Kunst individuell und historisch ausgeprägt waren. Die Herausbildung eines Kanons der Moderne, der auf Verbindlichkeit zielte, sei mithin Aushandlungssache gewesen. Das Verständnis dieses Prozesses erfordere, nach den Werten, Normen und Interessen zu fragen, die einer jeweiligen Künstlerauswahl zugrunde lagen. In der anschließenden Podiumsdiskussion sprachen Christian Fuhrmeister, Reinhard Spieler (Hannover), Annette Tietenberg (Braunschweig) und Birgitta Coers über Aspekte wie die Signifikanz des Kanonbegriffs, das Zustandekommen und die Funktionen eines künstlerischen Kanons, über die Versäumnisse der ersten documenta und ihre nicht mehr bekannten Teilnehmenden. Der darauffolgende Tag startete mit zwei Panels, die sich unterschiedlichen Facetten des Vergessens widmeten. Anhand der Daten zur NS-Beschlagnahmeaktion „Entartete Kunst" im Jahr 1937 setzte sich Meike Hoffmann (Berlin) mit der (Un-)Sichtbarkeit von Künstlerinnen in den Museen der Weimarer Republik auseinander. Wie sie feststellte, fiel das Geschlechterverhältnis auf der ersten documenta noch ungünstiger aus als in den 1920er-Jahren.

Ausstellungsansicht mit Werken von Max Beckmann auf der ersten documenta (1955); © documenta archiv (Dauerleihgabe der Stadt Kassel) / Foto: Günther Becker

Jürgen Kaumkötter (Solingen) warf ein Licht auf die Rezeption des in Auschwitz ermordeten jüdischen Malers Felix Nussbaum. Trotz seiner Erfolge in den Jahren vor 1933 sei dieser in der Nachkriegszeit wie andere Opfer des NS-Regimes nahezu in Vergessenheit geraten. Abseits der Frage nach der Verfügbarkeit von Nussbaums Werken erkannte der Referent darin ein Symptom kollektiven Verdrängens in der jungen Bundesrepublik. Die Ausklammerung neusachlicher Positionen auf der ersten documenta thematisierte Lena Kühnel (Kassel). Ihr Augenmerk galt dem Mitorganisator Werner Haftmann, der die Neue Sachlichkeit in seinem Buch „Malerei im 20. Jahrhundert" (1954) als „sehr schmal in Idee und Qualität" marginalisiert habe. Vanessa Arndt (Solingen) rückte mit Cesar Klein einen Künstler in den Fokus, der sich neben der freien Malerei und Grafik unter anderem als Innenarchitekt und Bühnenbildner betätigte. An seinem Beispiel stellte sie die Frage, inwieweit sich der kriegsbedingte Verlust von Werken, aber auch die mangelnde Berücksichtigung angewandter Kunst nachteilig auf eine Kanonisierung ausgewirkt haben könnten.

Museum Fridericianum mit Schriftzug der ersten documenta (1955); © documenta archiv (Dauerleihgabe der Stadt Kassel) / Foto: Günther Becker; S. 37

Unter dem Motto „Rekonstruktion und Auslese" standen am Nachmittag verschiedene Institutionen und Figuren des Kunstbetriebs im Mittelpunkt. Ausstellungskataloge der Hannoveraner Kestner-Gesellschaft aus den 1950er- und 1960er-Jahren bildeten den Untersuchungsgegenstand von Martin Schieder (Leipzig). Neben der Bedeutung der Kataloge für die Rezeption der Nouvelle École de Paris in Deutschland arbeitete er das Beziehungsgeflecht von abstrakter Kunst, Industrie und Werbung heraus, das sich in ihnen manifestiert. Ute Haug (Hamburg) gab einen Einblick in das Forschungsprojekt „Auf Linie? Die Hamburger Kunsthalle in Nationalsozialismus, Besatzungszeit und Bonner Republik (1933–69)". Zu dessen Schwerpunkten zählt das Wirken des documenta-Machers, Alfred Hentzen, der 1955 Leiter der Hamburger Kunsthalle wurde.

Roman Zieglgänsberger (Wiesbaden) behandelte den Neuaufbau der Modernesammlung im Museum Wiesbaden nach 1945. Als einen Kern der Ankaufspolitik unter dem Direktorat Clemens Weilers stellte er das Schaffen des Malers Alexej von Jawlensky heraus. Zudem habe Weiler aus dem Bereich der zeitgenössischen Kunst bewusst solche Werke ausgewählt, mit denen sich ein roter Faden zu Jawlensky spinnen ließ. Elke Allgaier (Stuttgart) führte vor Augen, in welch vielfältiger Weise sich Oskar Schlemmers Witwe Tut nach dem Zweiten Weltkrieg für sein Werk engagierte und damit seine postume Wahrnehmung in der Öffentlichkeit prägte. Wie Tut Schlemmer versorgte auch die Malerin, Sammlerin und Gründerin des „Frankfurter Kunstkabinetts" Hanna Bekker vom Rath die documenta 1955 mit Leihgaben. Ihre Enkelin Marian Stein-Steinfeld (Frankfurt a. M.) berichtete von den Aktivitäten Bekker vom Raths und ihren Verbindungen zu Teilnehmenden und Organisatoren der ersten documenta. Zwei Panels zum Thema „Perspektivenwechsel – Kanon international" erweiterten am dritten Tagungstag den Gesichtskreis über Deutschland hinaus. Gregor Langfeld (Amsterdam) erläuterte mit Blick auf die Museumsdirektoren Alfred H. Barr in New York und Willem F. Sandberg in Amsterdam, wie die Verfemung des Expressionismus durch die Nationalsozialisten zu seiner Kanonisierung im Ausland beitrug.

Ansicht der Rotunde im Museum Fridericianum mit Werken von Wilhelm Lehmbruck und Oskar Schlemmer auf der ersten documenta (1955) © documenta archiv (Dauerleihgabe der Stadt Kassel) / Foto: Günther Becker; S. 37

Den Eurozentrismus der ersten documenta rief Claudia Cendales Paredes (Bogotá/Kassel) ins Bewusstsein. In vorbereitenden Künstlerlisten konnte sie einige Lateinamerikaner – darunter die mexikanischen Maler José Clemente Orozco, Diego Rivera und Rufino Tamayo – ausfindig machen. Warum ihre Namen dort aufgeführt sind und sie dennoch auf der documenta fehlten, war Gegenstand des Vortrags. Annabel Ruckdeschel (Gießen) untersuchte den möglichen Einfluss, den das Konzept der École de Paris auf die Präsentation moderner Kunst aus Frankreich auf der documenta 1955 hatte. Wie sie darlegte, entfaltete der Begriff einerseits eine integrative Wirkung in Bezug auf die internationale Kunstszene im Paris der Vor- und Zwischenkriegszeit, jedoch habe er in einer anderen Auslegung dazu dienen können, vor allem osteuropäisch-jüdische Kunstschaffende von der französischen Entwicklung zu separieren. Abstrakte Kunst erhielt auf der ersten documenta einen prominenten Platz. Anne-Kathrin Hinz (Bonn) verdeutlichte in ihrem Beitrag, dass dieser Befund nicht für die Abstraktion in toto gilt: So sei der jüngeren Richtung des Informel hier wie auch auf anderen Plattformen zwischen 1945 und 1955 ein untergeordneter Stellenwert beigemessen worden.

 Eröffnungsrede des hessischen Kultusministers Arno Hennig zur ersten documenta am 16. Juli 1955; © documenta archiv (Dauerleihgabe der Stadt Kassel) / Foto: Günther Becker; S. 37

Die Tagung schloss mit der Sektion „Kassel und die documenta 1955". Joachim Schröder (Kassel) erinnerte an frühere Präsentationen moderner Kunst in Kassel. Dabei konzentrierte er sich auf die „Casseler Kunstausstellung" 1922, auf der unter anderen Lyonel Feininger und Carl Hofer vertreten waren. Als Vorläuferin der documenta sei die Ausstellung 1922 indes nicht zu werten. Auf Basis von Dokumenten aus der Handakte Kurt Martins, der dem Arbeitsausschuss der ersten documenta angehörte, erläuterte Tessa Rosebrock (Basel) Details ihrer Vorbereitung. Sie unterstrich den enormen Zeitdruck, unter dem das Vorhaben gestanden habe, und sprach sich dafür aus, die pragmatischen Aspekte bei der Analyse von Ein- und Ausschlüssen stets mitzudenken. Sebastian Borkhardt (Kassel) ging auf das umfangreiche Konvolut von Zeitungsausschnitten zur documenta 1955 ein, das sich im Bestand des documenta archiv befindet. Neben der Frage, inwieweit sich die Akzentsetzungen der Ausstellung in der Berichterstattung niederschlugen, galt sein Interesse den Auslassungen und Unausgewogenheiten, die die Kritik adressierte. In ihrer Gesamtheit entfalteten die Tagungsbeiträge ein reiches Tableau an Themen, Thesen und Materialien, die für ausgiebige – mitunter kontroverse – Diskussionen sorgten. Es wurde deutlich, dass Kanonisierungs- und Auswahlprozesse keiner bestimmten Logik gehorchen, sondern auf einem Zusammenspiel multipler, teils zufälliger Faktoren beruhen, die oft schwer zu greifen sind. Die Aufarbeitung dieser Komplexität bedarf der Sichtbarmachung von Strukturen ebenso wie der präzisen Untersuchung des Einzelfalls.

Dr. Sebastian Borkhardt
Wissenschaftlicher Mitarbeiter
am documenta archiv, Kassel _______________________________________________________________________________________________________________________

Das Tagungsprogramm sowie eine Video-Aufzeichnung der Auftaktveranstaltung sind hier abrufbar:
www.documenta-archiv.de

AsKI kultur leben 1/2024

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