Jüdisches Museum Franken in Schwabach: Die Nadeldose "Fürsten Extra"

Dose mit Grammophonnadeln, Drei-S-Werk, Schwabach, ca. 1925;  © Jüdisches Museum Franken

Die ausgewählte Dose beinhaltet winzige Nadeln, die zum Abspielen von Schellackplatten auf Grammophonen gebraucht wurden. Nach jedem Abspielen einer Schallplatte musste die Nadel gewechselt werden, da sie bereits Abnutzungen aufwies und die Platte sonst zerkratzen konnte. Zudem konnte die Klangqualität darunter leiden, wenn man eine Nadel zu oft benutzte. Daher beinhaltete eine Dose meist 200 Nadeln, die massenweise hergestellt werden mussten. Die sogenannten „Fürsten Extra"- Nadeln wurden im Drei-S-Werk in Schwabach produziert. Neben den Fürstennadeln wurden hier vor allem die Burchard- und die Klingsor-Nadeln hergestellt. Die Grammophonnadeln aus dem Drei-S-Werk wurden nicht nur in Deutschland und in Europa, sondern in die ganze Welt geliefert und verkauft. Das Drei-S-Werk war eine international bekannte Firma, die in Schwabach um 1922 ca. 150 Männer und Frauen beschäftigte.

Die Nadeldosen waren bunt und hübsch gestaltet und trugen wechselnde Motive. Dies reizte zusätzlich zum Kauf und führte bei so manchem Käufer zu Sammelleidenschaften. Noch heute gibt es begeisterte Sammler und Sammlerinnen für die attraktiven Grammophonnadeldosen. Neben der silbernen „Fürstennadel" zeigt die Dose das goldene Firmenemblem: Es handelt sich um eine „Fürstenkrone", deren Zacken aus den „Drei S" gebildet sind. Diese stehen für die Abkürzung des Firmennamens Schwabacher Spinnereinadel- und Stahlspitzenwerk. Das Erkennungszeichen ließ Firmeninhaber Walter Tuchmann als Schutzmarke eintragen.

Die auf der Dose abgebildeten Jahreszahlen 1850 und 1925 weisen auf das Gründungs- und auf das Jubiläumsjahr 1925 hin. 1850 hatte der Nadlermeister Friedrich Reingruber eine Werkstatt in Schwabach gegründet, die bis zum Ende des 19. Jahrhunderts zu einer großen maschinell ausgestatteten Nähnadelfabrik ausgebaut wurde. Die Enkelsöhne Reingrubers stellten um 1906 die Fabrikation fast komplett auf Grammophonnadeln um. 1913 wurde der jüdische Großhopfenhändler und Kommerzienrat Max Philipp Tuchmann aus Nürnberg, der ein Jahr zuvor als Teilinhaber in die Firma eintrat, Alleininhaber der Nadelfabrik. Er setzte seinen Sohn Walter als Geschäftsführer ein, der bald selbst Inhaber der Fabrik war.

1925 feierte die Firma ihr 75-jähriges Bestehen. Walter Tuchmann veranstaltete unter beträchtlicher Presseresonanz eine große Jubiläumsfeier für die gesamte Belegschaft im großen Saal der Bärenwirtschaft in Schwabach sowie eine weitere Feier für Familie, Freunde und Geschäftspartner im Richard-Wagner-Saal des Grand Hotel in Nürnberg. Tuchmann wurde in zahlreichen Reden geehrt und erhielt viele Geschenke, Glückwünsche und Blumen. Der regionale Pressebericht zu der damaligen Zeit spiegelt die Bedeutung und das Ansehen Tuchmanns als Arbeitgeber und erfolgreicher Unternehmer in Schwabach wider.

Mit Beginn der NS-Diktatur 1933 änderte sich die Lage für den jüdischen Fabrikanten Walter Tuchmann und seine Familie dramatisch. Mit seiner Frau Elise floh er Ende Juli 1937 überstürzt nach Prag. Er sah sich zudem gezwungen, das Drei-S-Werk von Prag aus zu verkaufen. Die Belegschaft des Drei-S-Werks nahm Tuchmanns Flucht als plötzliches Verschwinden wahr. Der sogenannte „Fall Tuchmann" wurde zum Schwabacher Stadtgespräch. Aus diesem Grund lud die Kreisleitung der NSDAP im August 1937 die Schwabacher Bevölkerung zu einer antisemitischen Propagandaveranstaltung in den Saal der Bärenwirtschaft ein.

Als die deutsche Wehrmacht im März 1939 in die Tschechoslowakei einmarschierte, war es auch in Prag nicht mehr sicher und Walter und Elise mussten erneut vor den Nationalsozialisten fliehen. Über Belgien und die Niederlande gelang Ende 1939 die Überfahrt nach New York. Erst nach einer einjährigen Odyssee durch Mittel- und Nordamerika endete ihre Reise in Mexiko. Die Nadeldose „Fürsten-Extra" wird derzeit im Jüdischen Museum Franken in Schwabach präsentiert und ist Teil der Wechselausstellung „Tuchmann verschwindet – Leben und Schicksal eines Schwabacher Fabrikanten", die erstmals Herkunft, Leben und Schicksal der Familie Tuchmann nachzeichnet und neue Erkenntnisse zu Tuchmanns Position als Firmeninhaber und Grammophonnadelproduzent vermittelt.

„Es sei noch erwähnt, das Drei-S-Werk, Schwabach,
beliefert die ganze Welt mit Nadeln, und die ungeheure
Anzahl von Blechdosen in fast sämtlichen Sprachen
der Welt zeigen so richtig den internationalen Wert der
weltberühmten Fürsten und Burchardnadeln."
Diese Aussage ist der Werbebroschüre der Firma von ca. 1928 zu entnehmen.

 

Marina Heller
Wissenschaftliche Volontärin/
Wissenschaft, Sammlung, Ausstellungen
Jüdisches Museum Franken

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Jüdisches Museum Franken in Schwabach
Tuchmann verschwindet – Leben und Schicksal eines Schwabacher Fabrikanten
bis 8. September 2024
www.juedisches-museum.org

AsKI kultur leben 1/2024

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